Wenn man von einem harten Job redet, frage ich mich, ob man sich jemals mit seinem Schatten beschäftigt hat. Ich bin mir bewusst, dass manche Jobs körperlich, als auch seelisch, einem sehr zusetzen können. Allerdings, ist die Auseinandersetzung mit den Schatten anderer, etwas anderes, als die, mit unserem Eigenen.
Vor fremden Schatten kann man davonlaufen, aber vor dem Eigenen, wird es schwieriger. Eigentlich unmöglich. Denn er ist immer bei uns. Bei all unseren täglichen Beschäftigungen, sieht er uns zu – ein stiller Beobachter. Still, aber nur tagsüber. So, wie unser Unterbewusstsein, nimmt er wahr und urteilt nicht. Er speichert es für uns ab und bringt es hervor, wenn alles andere, genauso still ist, wie er. Abends, bevor wir schlafen gehen wollen, fängt er an zu flüstern. Noch ist er ruhig, gibt dir die Chance ihn wahrzunehmen und auf sein flüstern zu antworten. Die Meisten von uns, wollen ihm jedoch nicht zuhören und ignorieren ihn. Irgendwann jedoch, wenn der Schatten genug hat, wird er nicht mehr nur flüstern. Er wird lauter und lauter und lauter. Bis wir ihn sogar mitten auf der Arbeit hören können oder auf einer Geburtstagsfeier.

Um ihn aushalten zu können, weil wir glauben, dass wir es müssen, greifen wir zu Mitteln, um uns zu betäuben. Jeder findet seine Lieblingsdrogen. Es müssen keine tatsächlichen Drogen sein, aber sie alle haben etwas gemeinsam. Sie halten dem Schatten den Mund zu. Wir können ihn plötzlich nicht einmal mehr flüstern hören. Wir atmen auf und sind erleichtert, weil wir glauben, dass wir einen Ausweg gefunden hätten. Was wir, sozusagen, haben. Ein möglicher Ausgang. Oder eher eine Verschiebung der Zeitlinie mit einem neuen Ende?
Denn so wie die Pharmaindustrie unsere Krankheiten nur betäubt, aber nicht beheben kann, so können unsere Süchte nur den Mund des Schattens zuhalten, aber ihn nicht verschwinden lassen.
Und irgendwann wird auch diese Realisation, hoffentlich, in den Köpfen derer Platz finden, die meinen, den Ausweg gefunden zu haben. Es gibt keinen Umweg. Keine andere (Er-)Lösung. Der Weg führt nur mittendurch und je eher man seinem Schatten zuhört, desto schneller findet man zu sich selbst.
Die ewige Suche nach dem fehlenden Puzzleteil. Die Illusion, dass nur ein anderer Mensch uns vollkommen machen kann. Nein. Jeder von uns ist bereits vollkommen. Jeder von uns genügt bereits. Wenn dir dein Körper gerade etwas anderes sagt, beim lesen, dann bist auch du vor deinem Schatten weggelaufen – das ist total normal. Man muss ein Muster zuerst erkennen, um es dann zu ändern.
Der Schatten ist weder, dein gewalttätiger Vater, noch deine Mutter, die dir nie genug Liebe gegeben hat. Er ist auch nicht dein Mobber oder dein Vergewaltiger. Dein Schatten bist du. Dein verletztes Selbst, der all diese schlimmen Ereignisse still wahrgenommen hat und noch immer darunter leidet. Er will genauso wie du, dass der Schmerz vorbei ist. Aber er weiß auch, dass man eine Wunde ansehen muss, um sie behandeln zu können. Dich kann man mit einem Messer abstechen und du bemerkst den Schmerz des Stichs. Aber wenn du so tust, als wäre nichts passiert, wirst du nur still verbluten, bis du stirbst.
Dein Schatten zeigt auf die Wunde und bittet dich darum, diese endlich heilen zu lassen. Er öffnet dir nur wieder die Augen, für die Dinge, die du genauso lange wie ihn, ignoriert hast. Er war, ist und wird nie dein Feind sein. Ganz im Gegenteil. Er war schon immer dein bester Freund.

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